Bauführerin

 

Während der Jahre der Debatten für die Baubewilligung meines Museums durch den Stadtrat von Zürich und der Debatten im Gemeinderat wurden nebst befürwortenden auch sehr negative Stimmen in der Presse laut.
Ich hatte Le Corbusier nie von diesen berichtet, in der Hoffnung, dass er nie davon erführe. Und wenn er mich ansprach: „Madame, n'est ce pas que vous avez des problèmes avec vos suisses?“ „Madame, nicht wahr, Sie haben Probleme mit Ihren Schweizern?“, antwortete ich klar und bestimmt: „Non Monsieur, je n'ai pas de problèmes, tout va bien, les problèmes sont là pour être résolus.” „Nein, Monsieur, ich habe keine Probleme, alles geht gut, die Probleme sind da, um gelöst zu werden.“


 

Als ich auf ihn zutrat in seinem kleinen privaten Raum (226 x 226 cm) im Atelier rue de Sèvres, hatte Le Corbusier mir unbekannte, gespannte Gesichtszüge.
Normalerweise waren auf dem kleinen Tisch viele Dossiers für unsere Arbeit, an diesem Tag war der Tisch nur mit Ausschnitten von Zeitungsberichten, Artikeln aus der Zürcher Presse, belegt.
Ich erschrak und wusste blitzartig, dass es die negativen Berichte waren, welche Le Corbusier übergeben worden waren. Und zwar von einem seiner so genannten bekannten besten Schweizer Freunde, Prof. Alfred Roth von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Mit verärgert strengem Ton fragte Le Corbusier mich: „Vous qui dites toujours que tout va bien, que dites vous de ça ?.“ „Sie, die immer sagen, dass alles gut geht.“ „Was sagen Sie dazu?“ und zeigte auf einen Berg von Zeitungsausschnitten betreffend meines langen Kampfes um die Baubewilligung im Stadtrat und Gemeinderat.
In dieser sehr heiklen Situation war ich froh, dass ich, ich weiss nicht woher, spontan die richtige Antwort bereit hatte. Mit energisch bestimmtem Ton antwortete ich: „Monsieur, je trouvais cela absolument inutile de vous informer de toutes mes difficultés. L'essentiel est que nous deux, nous savons ce que nous voulons.“ „Monsieur, ich fand es vollkommen unnötig, Sie über meine Schwierigkeiten zu informieren, das Allerwichtigste ist, dass wir beide wissen, was wir wollen.“
Erleichtert und mit einem Strahlen in seinen Augen antwortete er: „Oui, vous avez raison, on le montrera à ces suisses !“ „Ja, Sie haben recht, wir werden es den Schweizern zeigen.“In dieser heiklen Situation hatte ich mit meiner klaren Antwort verhindert, dass das ganze Projekt von ihm als gescheitert erklärt würde und enttäuscht gesagt hätte: „Je ne ferai pas cette maison!“ „Ich werde das Haus nicht realisieren.“ Und das Schlimmste daran, ich hätte nie mehr darauf zurückkommen können.


 

Komplizierter wurde die Geschichte, als der Baurechtsvertrag für die 2.425 m2 im Gemeinderat zur Diskussion stand.
In diesem wurden, nachdem einige kritische Zeitungsberichte erschienen waren, negative Stimmen laut. Für mich begann ein Marathon gegen die Zeit, war mir doch bewusst, dass Le Corbusier nicht mehr der Allerjüngste war.
Ich war getrieben von einer inneren Kraft. Ich besuchte und überzeugte wiederum drei Viertel aller Gemeinderäte, etwa 90 Männer. Einen nach dem andern, zwei oder drei Monate lang, jeden Mittwoch, und zwar in den Hallen des Rathauses. Damit im Rat, ohne viel Zeit mit Debatten zu verlieren, zugestimmt wurde.
Dazumal gab es noch keine Frauen in der Politik. Betreffend der Gleichberechtigung der Frau in der Schweiz kann man im Buch „Visionen und Taten – Aus dem Leben von Heidi Weber“ („Heidi Weber legt eine Bombe“) nachlesen, wie ich mit meinem fröhlichen, jungen Temperament ein kurzes Gastspiel auf der politischen Bühne gab.

 

Als ich im Mai 1963 wie immer Le Corbusier an der rue de Sèvres besuchte, empfing mich seine Sekretärin mit sorgenvollem Gesicht: „Madame, vous tombez très mal aujourd'hui, Monsieur Le Corbusier est de mauvaise humeur.„ “Madame, Sie kommen heute an einem sehr ungünstigen Tag, Monsieur Le Corbusier ist ganz schlechter Laune.” Da wusste ich, dass etwas Widerliches im Zusammenhang mit dem Museumsprojekt geschehen sein musste.