Bauherrin

 

„M. Le Corbusier prend un avion d'Air France pour les Indes le vendredi 15 avril, vol 682, faisant escale à Zurich de 14h05 à 21h10. Il serait très heureux s'il vous était possible de venir le voir à L'Aéroport.“ La Secrétaire J. Heilbuth.
„Monsieur Le Corbusier nimmt das Flugzeug der Air France nach Indien am Freitag, den 15. April Flug 682. Er macht eine Zwischenlandung in Zürich um 14.05 Uhr bis 21.10 Uhr. Er wäre sehr glücklich, Sie zu treffen.“
Die Sekretärin J. Heilbuth.

Der 15. April 1960 war ausnahmsweise ein ganz selten schöner Tag in Zürich. Ich freute mich sehr auf seinen Besuch, wenngleich es nur für ein paar Stunden war. Ich empfing Le Corbusier persönlich auf dem Flugfeld. Man konnte damals noch direkt zum Flugzeug gehen. Als Le Corbusier aus dem Flugzeug stieg, begrüssten wir uns mit dem auf Bild festgehaltenen vertrauensvollen Händedruck. Le Corbusier hatte ein ungewöhnlich strahlendes Lächeln, als wir uns die Hand gaben.
Mit meinem Auto fuhr ich direkt in Richtung Park Zürichhorn am See. Mir war bewusst, dass wir nur ein paar Stunden zusammen verbringen würden. Ich hatte eine Eingebung. Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kam. Es war ein Gedankenblitz, den ich intuitiv Le Corbusier bei diesem Spaziergang am See eröffnen musste. Nach kurzer Zeit des Spazierens schaute er mich skeptisch an und fragte: „Pourquoi vous me faites promener ici?“ „Weshalb spazieren Sie hier mit mir?“ „Monsieur, j'aimerais vous faire construire une maison musée de vous dans ce parc.“ „Monsieur, ich möchte ein Museumsgebäude von Ihnen in diesem Park erbauen.“ Le Corbusier war verblüfft: „Vous n'allez pas me dire que vous pouvez construire dans ce beau parc?“ „Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie in diesem schönen Park bauen dürfen?“ Und, nach einer kurzen Pause: „Non, je ne ferai, plus rien pour les Suisses, les Suisses n'ont jamais été chics avec moi.“ „Nein ich werde nichts mehr für die Schweizer machen, die Schweizer waren nie nett zu mir.“
Meine Antwort war in dem Moment sehr, sehr wichtig und richtig: „Monsieur, moi personnellement je n'investirai même pas CHF 100 dans les suisses, puis ce que je voulais émigrer depuis que j'avais 14 ans, mais je suis com sciente d'une chose, c'est qu'avec vous que je peux faire quelque chose de non suisse, en Suisse un monument qui dépassera les frontiéres. „Monsieur, ich persönlich würde keine 100 Franken in die Schweizer investieren. Schon als 14-jähriges Mädchen wollte ich die Schweiz verlassen, bin mir aber bewusst, dass ich nur mit Ihnen etwas Unschweizerisches in der Schweiz machen kann; ein Monument, das die Schweizer Grenzen überschreiten wird.“
Meine kämpferische Antwort und mein Argument die Grenzen zu sprengen hatten ihn überzeugt, und er antwortete mit erfreuter Stimme und voller Begeisterung: „Oui, vous avez raison, on le montrera à ces suisses!“ „Ja, Sie haben recht, wir werden es diesen Schweizern zeigen!“


 

Nachdem ich schon verschiedene Ausstellungen von seinen Bildern in meiner Studiogalerie „mezzanin“ veranstaltet hatte, jedoch nie mit ihm über eine Ausstellung seiner Skulpturen sprach, war Le Corbusier irritiert.
Für mich war es nur möglich, Werke auszustellen und zu verkaufen, wenn ich von diesen voll und ganz überzeugt war. Bei den Skulpturen brauchte ich eine gewisse Zeit, da ich die ersten zwei Jahre keinen Zugang zu ihnen fand.
Eines Tages sagte er zu mir: „Madame Weber, Joseph Savina, le sculpteur qui réalise avec moi des sculptures, a des difficultés financières parce qu' il ne peut pas les vendre.“ „Joseph Savina, mein Bildhauer, hat finanzielle Schwierigkeiten, weil er keine dieser Skulpturen verkaufen kann.“
Er wünschte, dass ich mich intensiv des Verkaufs annehme.
Von einem Tag auf den andern hatte sich mir die Schönheit und Komplexität seiner Skulpturen erschlossen, was ein überaus beglückendes Erlebnis war.
Mit grosser Freude organisierte ich daraufhin umgehend eine Ausstellung ausschliesslich mit seinen Skulpturen. Auch ging es mir darum, seinem Freund Joseph Savina zu helfen. Mit vollem Einsatz meiner Überzeugungskraft nahm ich den Verkauf in Angriff.
Als Innenarchitektin hatte ich damals zwei Häuser von kunstinteressierten Zürcher Industriellen umgebaut und eingerichtet. Ich konnte die Herren für die Skulpturen begeistern und jedem ein Werk verkaufen. Ich war glücklich, Le Corbusier einen grösseren Geldbetrag überweisen zu können. Er war damit erstmals in der Lage, Joseph Savina zu bezahlen. Alle Skulpturen, die ich für die grosse Ausstellung „Sculptures Le Corbusier-Savina“ brauchte, musste ich im voraus bezahlen. Für mich waren diese Konditionen eine grosse finanzielle Belastung, wusste ich nicht, ob ich überhaupt einen Käufer finden kann.
Da es nur die besagten zwei Käufer gab, und ich all die harten Bedingungen und Risiken auf mich genommen habe, bin ich glücklich, einige seiner schönsten Skulpturen aus Holz in meiner Sammlung zu haben.

 

Nach einigen Ausstellungen von Le Corbusiers Werken in meiner Studiogalerie „mezzanin“ fragten mich immer wieder Besucher: „Was hat Le Corbusier denn alles gemacht?”
Ich erzählte ihm bei einem Essen, diese oft wiederkehrende Frage meiner Galeriebesucher. Le Corbusier überlegte einen kurzen Moment und ging mit seinem langsamen schweren Schritt zu seinem kleinen Schreibtisch und schrieb sehr konzentriert mit einer Gänsekielfeder:„Il n'y a pas de sculpteurs seuls, de peintres seuls, d'architectes seuls, l'évènement plastique s'accomplit dans une forme et une au service de la poésie.“ „Es gibt nicht nur Bildhauer, nur Maler, nur Architekten. Das plastische Ereignis vollzieht sich in einer Form im Dienste der Poesie.“ Das mit seiner ausdrucksvollen Handschrift geschriebene Originalblatt halte ich stolz in Ehren