Möbelfabrikantin

 

Als ich Le Corbusier 1958 bei meiner ersten Begegnung auf Cap Martin getroffen hatte, schwärmte ich von seinen vier Sitzmöbeln. Diese 1928 entworfenen 4 Sitzmöbel wurden damals nur als Prototypen hergestellt. Kein Möbelhersteller hatte zu jener Zeit ein Interesse daran, die 4 Modelle als Serie herauszubringen.
Ich war schon 1958 der festen Überzeugung, dass sie auch noch in dreissig Jahren nichts von ihrer Modernität verloren haben würden. Ich bekräftigte gegenüber Le Corbusier noch einmal meine Überzeugung.
Die Skepsis in seinem Gesicht wich schnell einer Spur der Freude: “Vous pensez vraiment cela? Les gens disent que cela ne vaut rien, c'est du vieux jeu.“ „Finden Sie das wirklich? Die Leute sagen, die sind nichts wert und sind altmodisch.“
Meine Antwort: „Monsieur, je suis persuadée que vos quatre sièges sont jusqu'à aujourd'hui les plus modernes et que les enfants vont vouloir les hériter.“ „Monsieur, ich bin überzeugt, dass ihre 4 Sitzmöbel bis heute die modernsten geblieben sind und dass die Kinder diese später einmal erben wollen.“
Le Corbusier schien sehr glücklich über meine Wertschätzung seiner 4 Sitzmöbel und schenkte mir spontan sein Vertrauen mit den Worten: „Alors, je vous donne les plans et vous pourrez les fabriquer.“ „Also, ich gebe Ihnen die Pläne, und Sie können sie produzieren.“

 

Nach unserer ersten Begegnung und als ich wieder in in Zürich war, erhielt ich Anfang September von Le Corbusier die Pläne für seine 4 Sitzmöbel, die er 1928 entworfen hat. Ich machte mich voller Freude auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für die Fabrikation. In der Nähe meiner Studiogalerie „mezzanin“ fand ich zu meinem Glück ein sehr schönes leerstehendes Lokal, das Teil eines prächtigen mittelalterlichen Gebäudes war. Wie sich herausstellten sollte, war die Vormieterin der Lokalität die Heilsarmee. Ich betrachtete es als gutes Omen, da, ausgehend von diesen Räumen, bestimmt viel Gutes bewirkt wurde. Ich genoss es in dem Lokal, die Voraussetzungen für eine erstklassige Produktion seiner 4 Sitzmöbel schaffen zu können, auch für die Handwerker. Ich musste eine Nähmaschine für Lederarbeiten kaufen und eine zweite für die Daunenkammern der Kissen aus Baumwolle. Im Weiteren benötigte ich eine Zupfmaschine für das Rosshaar (das in Form eines Zopfes geliefert wurde) zum Auseinanderzupfen. Dann eine Spezialnähmaschine für die Lederbearbeitung der Kissen des kubischen Herrensessels wie auch für den breiten Damensessel. Für diese beiden Modelle wurden von einer Handwerkerin Kammern genäht, die anschliessend vom Polsterer auf den von ihm bearbeiteten Rosshaarkern genäht wurden.

Für die Chaiselongues musste ich Fohlenfelle bei verschiedenen Lieferanten suchen. Es war ein grosser Aufwand und sehr schwierig, schöne Felle vom Bild und von der Qualität her zu finden. Kalbsfelle für den „Fauteuil mit beweglichem Rücken“. Auch bei diesen Fellen war es kompliziert, erstklassige Qualität zu finden. Stolz konnte ich Le Corbusier bereits nach drei Monaten bei seinem ersten Besuch in Zürich, in meiner Studiogalerie „mezzanin“, seine 4 Sitzmöbel aus meiner ersten Produktion von 25 Stück vorstellen. Er war begeistert und sehr zufrieden mit meiner Umsetzung seiner Pläne.
9 Jahre, von 1958 – 67, produzierte ich die 4 Sitzmöbel in meiner kleinen Fabrik mit grossem Erfolg und erhielt Bestellungen aus aller Welt. Mit meiner Produktion kam ich schliesslich nicht mehr nach und entschied mich deshalb 1964, meine Lizenzrechte an die italienische Firma Cassina in Meda für eine Produktion mit grösseren Stückzahlen abzutreten. Erst nur für Italien. Ein Jahr später weitete ich die Verträge für Europa aus und 12 Monate später für die Vereinigten Staaten.
Die grosse Firma Cassina, die Hunderte von Millionen mit der Produktion und dem Verkauf von Le-Corbusier-Sitzmöbeln verdient hat, will heute meinen Namen nicht mehr kennen. Und dies, obwohl sie die Lizenzen von mir erhalten und sämtliche Verträge mit mir unterschrieben hat.
In der weltweit geschalteten Werbung steht nur noch: Die Firma Cassina hat den Vertrag für die weltweiten Rechte noch zu Lebzeiten von Le Corbusier unterschrieben.



 
Die ersten 4 Le Corbusier Sitzmöbel aus meiner Produktion zeigte ich schon im November 1958 in meiner Studiogalerie „mezzanin“ mit einem eigen dafür entwickelten Konzept. 15 kleine Original-Bleistiftzeichnungen von Le Corbusier, ausgestellt in den von ihm entworfenen Kistenrahmen aus Holz. Alle auf einer Wand mit beiger Farbe.
Die anderen Wände waren in seinen starken Farben der Salubra Tapeten Blau, Dunkelgrau, Schwarz und Ocker tapeziert und frei von Bildern als monochrome Wände gehalten.
Für diese erste Ausstellung hatte ich Weltformat Plakate drucken lassen und in der ganzen Schweiz zum Aushang gebracht. Mein (auch finanzieller) Einsatz versetzte Le Corbusier ins Staunen; und er bedankte sich bei mir in gewählten Worten.