HEIDI WEBER: ANEKDOTEN

 

Meine Zusammenarbeit mit Le Corbusier 1958 bis 1965

Anekdoten

 

1. Ein Monster an Durchhaltewillen

 

Beweis von erster Trunkenheit,
mit Whisky und Weisswein im mezzanin,
ein Haus des Menschen,
erfunden von Heidi Weber.
(ein Monster an Durchhaltewillen,
Opferbereitschaft und Enthusiasmus)
- Meine Freundschaft für Heidi Weber,
ihr Opfer,
Le Corbusier
Zürich, 24.11.1960

 

Zu meiner grossen Freude kam Le Corbusier am 24.11.1960 zur Eröffnung meiner Ausstellungen seiner Bilder in meine Studiogalerie „mezzanin“. Meine Gepflogenheit, nur alkoholfreie Getränke bei meinen Ausstellungen zu servieren, habe ich für Le Corbusier gerne geändert. Ich habe ausnahmsweise Alkohol offeriert und Le Corbusier speziell seinen geliebten Whisky angeboten. Es war eine gelöste, fröhliche Stimmung, und Le Corbusier selbst war in glänzender Laune. Die gelöste Stimmung kommt in seiner Widmung an mich zum  Ausdruck:

In der Tat musste ich ein „Monster an Durchhaltewillen“ werden, um bei der Realisierung des Museumsbaus, angesichts der riesigen Probleme und grossen finanziellen Sorgen, inklusive des Risikos, alles zu verlieren, nicht aufzugeben.
Auch ein „Monster an Opferbereitschaft“ zu sein, war die Voraussetzung überhaupt, mit einem Genie wie Le Corbusier arbeiten zu können. Ein „Monster an Enthusiasmus“ erforderte zudem Selbstlosigkeit. Die Begeisterung für Le Corbusiers Werk befähigte mich, so viele Jahre bis heute durchzustehen.

Der monströse Durchhaltewillen wurde mir in die Wiege gelegt und all die Jahre meines langen, gesunden Lebens in kleinen Schritten trainiert.

2. Erste Reise zu Le Corbusier

Gegen mein erstes Originalwerk von Le Corbusier, eine kleine Collage, gab ich meinen geliebten Fiat Topolino her. Ich fühlte mich als stolze Besitzerin dieses Originals, als reichste Frau der Welt.

Mein Wunsch nach einem Ölbild führte mich zu einem seiner Freunde, der mir sagte, dass Le Corbusier sich derzeit den ganzen August auf Cap Martin befinde. Mittels Telefonat wurde ein Treffen vereinbart, und am nächsten Morgen, es war der 14. August 1958, befand ich mich im ersten Flugzeug nach Nizza. Wir begegneten uns im Restaurant L`Etoile de mer Roquebrune Cap Martin, nebenan des Cabanons von Le Corbusier.

Es war ein Gefühl, als hätten wir uns schon lange zuvor gekannt. Bei einem herrlichen Essen mit prächtiger Sicht auf das Mittelmeer äusserte ich Le Corbusier meinen Wunsch nach einem Ölbild von ihm. Er fragte mich: „Combien voulez vous payer pour une peinture?“ „Wie viel wollen Sie für ein Bild bezahlen?“ Spontan gab ich zur Antwort: „Monsieur, j'ai CHF 10.000. -  à la banque.“ „Monsieur, ich habe zehntausend Schweizer Franken auf der Bank.“ Er war von meiner Antwort verblüfft.

„Vous voulez vraiement payé tant que ça?“ Wollen Sie wirklich so viel dafür bezahlen?

3. Huhn oder Entrecôte?

Nach unserer ersten, drei Tage währenden Begegnung auf Cap Martin im August 1958 begleitete mich Le Corbusier zum kleinen Bahnhof Roquebrune. Ein Fussweglein führte am Bahngeleise entlang. Ich empfand die persönliche Begleitung als eine besondere Aufmerksamkeit. Wir warteten zusammen am Bahnhof auf die aus Genua kommende Eisenbahn, die mich nach Nizza zum Flugplatz bringen sollte. Als ich in den Zug stieg, sagte er mit einem freundlichen Lächeln und liebenswürdiger Betonung: „Téléphonez-moi, je suis à partir du 1er septembre de retour à Paris, vous pouvez m'atteindre à mon atelier, 35, rue de Sèvres.“ „Rufen Sie mich an, ich bin ab dem 1. September wieder in Paris, Sie können mich in meinem Atelier, 35, rue de Sèvres erreichen.

Ich konnte diesen Tag, den 1. September, kaum erwarten und war an diesem Morgen ausnahmsweise Punkt 9 Uhr in meiner Studiogalerie „mezzanin“ in Zürich.

Das war mein erstes Telefongespräch mit ihm nach unserer ersten dreitägigen Begegnung. Ich war nervös, was ich sonst eigentlich nie bin, war doch dieser zweite Kontakt sehr wichtig für mich. Als ich mich mit meinem Namen meldete, sagte er mit, wie ich es empfand, optimistischer Stimme: „Ah, c'est vous, quand c‘est que vous venez à Paris?“ „Ah, Sie sind es, wann kommen Sie nach Paris?“ „Demain, Monsieur.“ „Morgen, Monsieur.“

Meine Antwort freute ihn sichtlich; mit besonderer Betonung meinte er: „Alors, je vous invite à venir manger chez moi à la maison. Venez me chercher à 13 heures à mon atelier, 35, rue de Sèvre.“ „Also, ich lade Sie zum Essen bei mir zu Hause ein, kommen Sie mich um 13 Uhr in meinem Atelier, 35, rue de Sèvres abholen.“ Le Corbusier: „Que-est ce que vous désirez à manger? Un poulet ou une entrecôte?“ „Was wünschen Sie zu essen? Huhn oder ein Entrecôte?“„Un poulet, Monsieur.“  „Ein Huhn, Monsieur.“

4. Alles verkauft

Es waren wenige Werke, welche Le Corbusier mir auf Cap Martin zugesichert hatte. Wegen meiner Begeisterung und Bewunderung für seine Kunst und meiner Überzeugung, dass auch meine Kunden sich für diese begeistern würden, gab er mir drei Ölbilder, zehn kleinformatige Originalwerke: Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle zum Verkauf.

Meine Ausstellung 1959: Le Corbusier, peintures, tapisseries, dessins, lithos, meubles, weckte grosses Interesse und hatte ausserordentlichen Erfolg. Während der Dauer der Ausstellung rief mich Le Corbusier immer wieder aus Paris an und fragte: „Est ce que l'exposition a du succès?“ „Hat die Ausstellung Erfolg?“ Irgendwie überraschte mich seine Frage. Ich antwortete mit freudiger Stimme: „Oui Monsieur, il y a beaucoup de visiteurs.“ „Ja, Monsieur es kommen viele Besucher.
Ich ahnte nicht, dass er mit seiner Frage an den Verkaufserfolg dachte. An einem der letzten Tage kam wieder ein Telefonat aus Paris, und ich wurde mit Le Corbusier verbunden: „Madame Weber, avez-vous vendu quelque chose?“ „Madame Weber, haben Sie etwas verkauft?

Ich erschrak heftig, denn kein einziges Werk war gekauft worden. Ich brachte es aber nicht übers Herz, Le Corbusier die Wahrheit zu sagen, hielt einen Moment den Atem an und antwortete mit schlechtem Gewissen, weil ich ihn belügen musste: „Oui Monsieur, tout est vendu!“ „Ja, Monsieur, alles ist verkauft!“ Ich wusste nicht, dass für ihn der Verkaufserfolg wichtig war, aber ich denke, dass es ihm eher um die Anerkennung seiner Werke als ums Geld ging.

Zu dieser Zeit war ich noch die einzige passionierte Sammlerin der Werke von Le Corbusier. Ich war nämlich die Käuferin sämtlicher Werke.

5. Die ersten Käufer

Bei meinem nächsten Essen mit Le Corbusier in Paris berichtete  er mir voller Freude, er habe den Kulturminister André Malraux angerufen und ihm mitgeteilt, dass eine Ausstellung mit seinen Bildern in Zürich stattgefunden habe und dass alle Werke verkauft worden seien. Allein die Schweizer verstünden seine Malerei. Ich musste meine Mimik kontrollieren, da ich ja die alleinige Käuferin sämtlicher Werke der Ausstellung war. Und wusste, dass meine Lüge betreffend, ALLES VERKAUFT, doch eine liebevolle und nicht eine Lüge im wahren Sinne des Wortes war.

Rund zwei Monate später kam er auf den Verkaufserfolg zu sprechen: „Madame Weber, il faut doubler les prix, c'était trop bon marché, c'est pour ça que vous avez tout vendu.“ „Madame Weber, Sie müssen die Preise verdoppeln, die Werke waren zu günstig, deshalb haben Sie alles verkauft.

Irgendein Freund musste ihm das suggeriert haben. Ich durfte nicht mit der Wimper zucken und sagte mutig: „Oui Monsieur, je suis d'accord.“ „Ja, Monsieur, ich bin einverstanden.
Ich ging zurück nach Zürich, verdoppelte die Preise, und siehe da, nun fanden sich Käufer, und ich war froh darüber, dass ich jetzt endlich auch Einnahmen hatte.

6. Ein feiner Herr

Während der ersten grossen Ausstellung von Le Corbusier Bildern, kam eine scheinbar wichtige Person, dem Auftreten nach zu schliessen, in meine Studiogalerie „mezzanin“. Er stellte sich als grosser Sammler aus Stockholm vor. Er war von seiner Entdeckung, den Werken Le Corbusiers, begeistert und beeindruckt. Er erwarb eine kleine Original-Bleistiftzeichnung.

Einige Tage vor diesem Besuch hatte ich das Modell für mein geplantes Museum aus Beton von Le Corbusier erhalten und auf einem Sockel ausgestellt. Ich erzählte diesem Herrn, dass ich Le Corbusier den Auftrag für den Entwurf eines Museumsbaus gegeben hatte und dieses Modell seinen Plänen entspreche. Kurz nach diesem Besuch in Zürich bemühte sich dieser Herr, von Le Corbusier in Paris empfangen zu werden, um ihn ebenfalls für ein Museum seiner Sammlung in Stockholm zu gewinnen.
Bei einem meiner nächsten Besuche bei Le Corbusier erwähnte er, dass ihn ein Herr Ahrenberg, ein grosser Sammler aus Stockholm, der die Ausstellung seiner Werke in meiner Galerie besuchte, in Paris getroffen habe. Mit fragendem Blick sagte er: „C'est un Monsieur très bien.“ „Das ist ein sehr feiner Herr.“ Meine Antwort:  „Monsieur, je ne trouve pas.“ „Monsieur, das finde ich nicht.
Le Corbusier: „Heidi Weber, attention, vous jugez trop vite, c'est un Monsieur très bien.“ „Heidi Weber, Achtung, Sie urteilen vorschnell, das ist ein sehr feiner Herr.“ „Monsieur, je ne crois pas, mais le temps le montrera!“ „Monsieur ich glaube nicht, doch die Zeit wird es zeigen.

Für mich entstand eine angespannte, unangenehme Stimmung mit diesem Herrn. Das Ahrenberg-Museum wurde nie gebaut weil der „Monsieur très bien“ schräge Finanzgeschäfte machte und 1962 in Schweden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

7. Nicht einer meiner besten Freunde

Nach einigen Jahren meiner Ausstellungsaktivitäten in meiner Studiogalerie „mezzanin" und unserer Zusammenarbeit äusserte sich Le Corbusier mir gegenüber verschiedentlich mit einem traurigen Unterton in seiner Stimme: „Vous savez, Madame Weber, il n'y a pas un des mes meilleurs amis qui aurait fait pour moi ce que vous faites. Vous êtes la seule  personne qui a fait quelque chose pour moi.“ „Wissen Sie, Frau Weber, nicht einer meiner besten Freunde hätte je für mich getan, was Sie tun. Sie sind die einzige Person, die etwas für mich getan hat.“
Trotz dieser grossen Anerkennung musste ich nach seinem Tod leider feststellen, dass er in Briefen an Dritte offensichtlich meinen Namen nie genannt hat.

8. Zwischenlandung

„M. Le Corbusier prend un avion d'Air France pour les Indes le vendredi 15 avril, vol 682, faisant escale à Zurich de 14h05 à 21h10. Il serait très heureux s'il vous était possible de venir le voir à L'Aéroport.“ La Secrétaire J. Heilbuth.

Monsieur Le Corbusier nimmt das Flugzeug der Air France nach Indien am Freitag, den 15. April, Flug 682. Er macht eine Zwischenlandung in Zürich um 14.05 Uhr bis 21.10 Uhr. Er wäre sehr glücklich, Sie zu treffen.“ Die Sekretärin J. Heilbuth.

Der 15. April 1960 war ausnahmsweise ein ganz selten schöner Tag in Zürich. Ich freute mich sehr auf seinen Besuch, wenngleich es nur für ein paar Stunden war. Ich empfing Le Corbusier persönlich auf dem Flugfeld. Man konnte damals noch direkt zum Flugzeug gehen. Als Le Corbusier aus dem Flugzeug stieg, begrüssten wir uns mit dem auf Bild festgehaltenen vertrauensvollen Händedruck. Le Corbusier hatte ein ungewöhnlich strahlendes Lächeln, als wir uns die Hand gaben.

Mit meinem Auto fuhr ich direkt in Richtung Park Zürichhorn am See. Mir war bewusst, dass wir nur ein paar Stunden zusammen verbringen würden. Ich hatte eine Eingebung. Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kam. Es war ein Gedankenblitz, den ich intuitiv Le Corbusier bei diesem Spaziergang am See eröffnen musste.

Nach kurzer Zeit des Spazierens schaute er mich skeptisch an und fragte: „Pourquoi vous me faites promener ici?“ „Weshalb spazieren Sie hier mit mir?“ „Monsieur, j'aimerais vous faire construire une maison musée de vous dans ce parc.“ „Monsieur, ich möchte ein Museumsgebäude von Ihnen in diesem Park erbauen.“ Le Corbusier war verblüfft: „Vous n'allez pas me dire que vous pouvez construire dans ce beau parc?“ „Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie in diesem schönen Park bauen dürfen?“ Und, nach einer kurzen Pause: „Non, je ne ferai, plus rien pour les Suisses, les Suisses n'ont jamais été chics avec moi.“ „Nein ich werde nichts mehr für die Schweizer machen, die Schweizer waren nie nett zu mir.

Meine Antwort war in dem Moment sehr, sehr wichtig und richtig: „Monsieur, moi personnellement je n'investirai même pas CHF 100 dans les Suisses, puis ce que je voulais émigrer depuis que j'avais 14 ans, mais je suis consciente d'une chose, c'est qu'avec vous que je peux faire quelque chose de non suisse en Suisse, un monument qui dépassera les frontiéres.Monsieur, ich persönlich würde keine 100 Franken in die Schweizer investieren. Schon als 14-jähriges Mädchen wollte ich die Schweiz verlassen, bin mir aber bewusst, dass ich nur mit Ihnen etwas Unschweizerisches in der Schweiz machen kann; ein Monument, das die Schweizer Grenzen überqueren wird.

Meine kämpferische Antwort und mein Argument, die Grenzen zu sprengen, hatten ihn überzeugt, und er antwortete mit erfreuter Stimme und voller Begeisterung: „Oui, vous avez raison, on le montrera à ces Suisses!“ „Ja, Sie haben recht, wir werden es diesen Schweizern zeigen!

9. Restaurant Öpfelchammer

Nach unserem gemeinsamen Spaziergang am Zürichhorn habe ich ihn zu einem feinen Essen, in das Restaurant Öpfelchammer eingeladen. Eine Gaststube am Rindermarkt, deren Tradition bis ins Mittelalter zurückreicht. Hier konnte ich Le Corbusier beim gemeinsamen Abendessen in stimmungsvoller Atmosphäre meine Beweggründe für das geplante Museum genauer schildern.

Ich sagte ihm, dass ich mit meinem grossen Erfolg als Innenarchitektin mit meiner Studiogalerie „mezzanin" in kurzer Zeit viel Geld verdient hatte, ich jedoch nie den Wunsch hegte, eine Villa und Schmuck zu besitzen oder viel Geld auf der Bank zu haben. Es war vielmehr mein Wunsch und meine Überzeugung, mit dem hart verdienten Geld etwas Sinnvolles zu machen. Nämlich ein Bauwerk von ihm für sein plastisches Werk, für sein universelles Schaffen. Ein einzigartiges Bauwerk, ein „Gesamtkunstwerk“.

Le Corbusier war nach diesem Spaziergang und meinem Vorschlag sehr zufrieden und, wie ich glaube, wirklich glücklich. Dieser Tag sollte für meine Zukunft einer der wichtigsten in meinem langen reichen Leben werden.

10. Zurück zum Stahl

Beim Spaziergang im April 1960 erzählte ich Le Corbusier von meiner Vision, am Zürichhorn ein Museum zu bauen.

Schon drei Monate später sandte er mir farbige Pläne und ein Modell für eine Konstruktion aus Beton. Das Modell für ein Betongebäude war schön, doch war ich nicht wirklich davon begeistert, weil ich der Überzeugung war, dass Konstruktionen aus Beton nicht der Zukunft gehören würden.

Als er mir ein halbes Jahr später ein weiteres Modell für ein Gebäude aus Stahl und Glas vorschlug, freute ich mich sehr. Ein Museum aus Stahl, das bedeutet Vorfabrikation und Elementbauweise. Der Entwurf überzeugte mich vollends.

Rund drei Monate später erklärte mir Le Corbusier bei einem Essen: “Madame Weber, nous sommes retournés au béton parce que vous ne savez pas ce que vous risquez avec le métal. Le métal est plus difficile.” „Madame Weber, wir sind wieder auf ein Gebäude aus Beton gekommen, denn Sie wissen nicht, was Sie mit einem Gebäude aus Metall riskieren, eine Metallkonstruktion ist viel riskanter.” Meine Antwort war klar: „Monsieur, je suis très déçue, parce que j'aime l'idée du métal. La construction en métal est le future.“ „Monsieur, ich bin sehr enttäuscht, weil ich die Idee von Metall liebe. Die Metallkonstruktion ist die Zukunft.“ „De plus, se suis tout à fait consciente que n'import,e comment je risque tous avec vous, alors faisons la en métal.” „Und ausserdem bin ich mir vollkommen bewusst, dass ich alles mit Ihnen riskiere. Also bauen wir es in Metall.

Er quittierte meinen Mut und meine Entschlossenheit mit einem leisen Lächeln als Ausdruck seiner Freude darüber, dass ich bereit war, wirklich alles für sein Bauwerk zu riskieren.

11. Gross oder klein

1962 wurde ich für eine dringende Sitzung im Hochbauamt von drei Herren des Stadtrates eingeladen.

Der Grund: Der Chef des Hochbauamtes wurde ein paar Tage vorher von einem Herrn Professor von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) besucht. Herr Professor Roth war, wie er stets betonte, ein guter Freund von Le Corbusier.

Die Herren Stadträte wurden von Roth mit einem dringenden Antrag konfrontiert: Die Stadt Zürich sollte dem von Le Corbusier für Frau Heidi Weber entworfenen Gebäude die Baubewilligung nicht erteilen.

Sein Gegenvorschlag: Die Stadt Zürich sollte Le Corbusier direkt einen Auftrag für ein grosses Gebäude geben und den geplanten kleinen Bau nicht von Heidi Weber realisieren lassen. Dieses kleine Intermezzo wurde nicht aus böser Absicht (hoffe ich) vorgebracht, doch es war ein dummer, gefährlicher Vorschlag von Roth.

Die Herren waren verunsichert ob ich als junge Frau überhaupt in der Lage wäre, ein Bauwerk von Le Corbusier zu realisieren.

„Meine Herren, dazu muss ich Ihnen meinen Standpunkt erklären, meine persönliche Ansicht äussern. Erstens: Der Herr Professor weiss scheinbar nicht, dass ein Meisterwerk, sei es noch so klein, nicht von den Dimensionen abhängig ist. Zweitens: Mit dem Bau behindere ich die Stadtbehörde nicht, Le Corbusier einen Grossauftrag zu erteilen. Drittens: Für einen Grossauftrag ist es jedoch etwas spät, denn Le Corbusier ist über 70 und leider in einem schlechten  Gesundheitszustand. Zudem würden zwei Le-Corbusier-Bauten der Stadt Zürich bestimmt gut anstehen.“
Mit meiner klaren Stellungnahme hatte ich die Herren voll überzeugt, und ich hatte die Gefahr, dass das Gebäude nicht gebaut werden könnte, vereitelt.

Wir Frauen hatten damals,1960, noch keine Gleichberechtigung. Zum Glück war ich eine geschiedene Frau und musste nicht mehr die Unterschrift eines Ehemanns erbringen. Ich bin überzeugt, dass kein schweizer Ehemann dieses grosse Risiko mitgetragen hätte.

Wäre ich damals nicht geschieden gewesen, würde das Meisterwerk von Le Corbusier heute nicht in dem schönen Park am Zürichsee stehen.

 

12. Wie ein Lauffeuer

Le Corbusiers erster Besuch meiner grossen Ausstellung  im November 1960, Le Corbusier, peinture, grand format, war ein unbeschreiblicher Erfolg.

Die Nachricht, dass der Meister anwesend sein würde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt.

Die Strassen im alten Stadtteil, wo sich meine Ausstellungsräume befanden, waren komplett verstopft von Hunderten Interessenten und Verehrern Le Corbusiers.

Ein paar junge Sammler (es waren noch nicht viele) seiner Werke waren auch anwesend und baten mich, Le Corbusier vorgestellt zu werden.

Ich trug ihm diesen Wunsch vor. „Monsieur, vos collectionneurs aimeraient étre présentés á vous." „Monsieur, Ihre Sammler möchten Ihnen vorgestellt werden.“ „Heidi Weber, faites comme vous voulez, mais je ne veux pas voir ces gens là.“ „Heidi Weber machen Sie, wie Sie wollen, aber ich möchte diese Leute nicht sehen!“ „Monsieur, ce ne sont pas des gens qui ont seulement de I'argent, ce sont des jeunes gens qui aiment votre peinture et qui ont fait des sacrifices pour acquérir une oeuvre de vous …“ „Monsieur, das sind Menschen, die nicht viel Geld haben, es sind Menschen, die Ihre Malerei lieben, die auch Opfer gebracht haben dafür, eines Ihrer Werke zu erwerben.“ „Bien, d'accord, pour vous faire plaisir, présentez-les à   moi.“ „Gut, einverstanden, um Ihnen eine Freude zu machen, stellen Sie sie mir vor.“ Sein Gesichtsausdruck war angespannt, skeptisch.

Nachdem ich ihm drei oder vier Personen vorgestellt hatte, entspannte sich sein Ausdruck, und er wandte sich zu mir mit einem Lächeln und den Worten: „Heidi Weber, ça me rend très heureux de savoir mes enfants dans des bonnes mains chez vous.“ „Heidi Weber, das macht mich sehr glücklich, meine Kinder bei Ihnen in guten Händen zu wissen.

Einen schöneren Beweis seines Vertrauens hätte ich mir nicht wünschen können.

13. Hotel Ermitage

Le Corbusier kam am 2. November 1961 für zwei Tage nach Zürich zu meiner Ausstellungseröffnung „Peintures grands formats“ in meiner Studiogalerie „mezzanin“.

Ich reservierte für Le Corbusier zwei Zimmer im Hotel Ermitage direkt am See in Küsnacht. Beim Eintragen war er sehr überrascht, dass ich zwei Zimmer für ihn gebucht hatte, und fragte mich mit einem belustigten Lächeln und gleichzeitig erstaunt: „Pourquoi deux chambres?“ „Wieso zwei Zimmer?

„Monsieur, j‘ai pensé que vous allez avoir le plaisir de pouvoir peindre le matin dans la deuxième chambre avec le calme et la belle vue sur le lac, comme vous faites tous les matins chez vous à Paris. Je viendrai vous chercher à 13 heures pour le déjeuner. “ „Monsieur, ich habe gedacht, dass es Ihnen Freude macht, wenn Sie morgens im zweiten Zimmer mit dieser schönen Seesicht malen könnten, wie Sie dies jeden Morgen in Paris tun. Ich werde Sie auch wie in Paris um 13 Uhr zum Mittagessen abholen.

Er war sehr glücklich über meine Aufmerksamkeit ihm gegenüber. Auch sagte ich keinem seiner vielen Zürcher Freunde oder der Presse, wo Le Corbusier übernachtete. Einen Tag vor seiner Ankunft rief mich Professor Alfred Roth von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) an und fragte mich, wo Le Corbusier übernachte. Ich antwortete, dass ich ihm nicht sagen könne, wo Le Corbusier sich aufhalte. Arrogant sagte er, ich solle Le Corbuiser ausrichten, dass er für ihn eine Party in seinem Haus geben werde.

Wohl oder übel musste ich Le Corbusier Roths Einladung übermitteln. Le Corbusier war gar nicht erfreut und antwortete etwas verärgert: „Heidi Weber, faites comme vous voulez, mais je ne vais pas chez celui là.“ „Heidi Weber, machen Sie, wie Sie wollen, aber ich gehe nicht zu diesem Typen.“

14. Zuger Kirsch

Le Corbusier liebte einfache Restaurants. Einmal erwähnte ich, dass das weltberühmte Bistro von Zürich Restaurant „Kronenhalle“ heisse und dort alle Berühmtheiten sich zeigen und dinieren. Ich sagte zu ihm: „Monsieur, il y à Zurich aussi un très beau, vieux restaurant où tous les cèlèbritès et artistes, se montrent.“ „Mais j'ai pensé que vous préférez un lieu simple dans la vieille ville.“„Ich habe jedoch gedacht, dass Sie einen einfachen Ort in der Altstadt bevorzugen würden.“ Le Corbusier: „Heidi Weber, je sais très apprécier cela.“ „Heidi Weber, ich weiss dies sehr zu schätzen.

Ich lud ihn jedoch in die seit dem Mittelalter bestehende, einzigartige Restaurant Öpfelchammer ein. Er war vollends begeistert von der Atmosphäre, der  währschaften Schweizer Küche und dem speziellen Zuger Kirsch.

Diese Finesse, mit ihm ja nicht in Restaurant „Kronenhalle“ zu gehen, um mich mit ihm aufzuspielen, ist ein Beispiel, wie ausserordentlich wichtig es war, dass ich in jeder Situation entsprechend richtig handelte.

 

15. Erster Scheck

L-C 1956, Paris: “On dit que je suis riche. Je n'ai pas un sou, je n'ai jamais eu de l'argent.“

Man sagt, ich sei reich. Ich habe keinen Rappen, ich hatte nie Geld. Ich bin 68 Jahre alt, die Architektur hat mir nichts gelassen, nichts gebracht.

Durch meine Begeisterung für sein malerisches Werk und die erfolgreichen Verkaufsausstellungen seiner Bilder in meiner Studiogalerie „mezzanin“ konnte ich ihn immer wieder mit Bankschecks aufheitern. Insofern glaube ich, dass er mit meinen Schecks hin und wieder seinen treuen Mitarbeiterinnen etwas mehr bezahlen konnte.

Eine Begebenheit: Mme Jeanne, eine ergebene, seriöse, sich aufopfernde Frau, die sein Sekretariat während 20 Jahren vorbildlich führte. Dieser Mme Jeanne, wie Le Corbusier und alle seine Mitarbeiter sie mit Hochachtung nannten, übergab er umgehend meinen ersten Scheck, weil er ihr all die Jahre nie ein richtiges Salär bezahlen konnte.

Diese schöne Geste von ihm hat noch ein amüsantes Nachspiel. Als sein nobler Jugendfreund aus Neuenburg, der eine erfolgreiche Privatbank aufgebaut hatte, davon erfuhr, konnte dieser Le Corbusier natürlich nicht verstehen.

Er besuchte Le Corbusier umgehend in Paris und wollte ihm vorschlagen, dass er in Zukunft seine Einkünfte verwalten wolle. Wie mir von den Mitarbeitern im Atelier überliefert wurde, empfand Le Corbusier dies als Bevormundung.

Mit den Worten „Ich habe mein ganzes Leben ohne Geld auf der Bank gemeistert,“ warf er seinen alten Freund wutentbrannt aus dem Büro.

16. Taxifahrt

Mein regelmässiger Besuch in seinem Architektur-Atelier an der 35, rue de Sèvres, hatte alle 14 Tage stattgefunden.

Er stand meistens in Zusammenhang mit meinem Museumsbau und endete immer Punkt 13 Uhr. Anschliessend lud er mich jeweils zum Mittagessen in seine Wohnung ein an der 75, rue Nungesser et Colis. Dort arbeiteten wir anschliessend in seinem Maleratelier für die Ausstellungen in meiner Studiogalerie „mezzanin".

Wir nahmen ein Taxi vor dem Grand Magasin du Printemps an der rue de Sèvres. Da es in Paris Tausende von Taxis gab, erkannte keiner der Chauffeure den berühmten älteren Herrn.

Le Corbusier liebte das. Kaum sassen wir im Taxi, hatte er mit offensichtlicher Freude dem Chauffeur jedes Mal seine ganz bestimmte Route angegeben. Ich erinnere mich immer wieder mit Spass an diese spezielle Anekdote.

Kaum war der Wagen losgefahren, fragte der Fahrer ihn: „Monsieur, pouvez-vous m'indiquer la route?“ „Monsieur können Sie mir den Weg weisen?

Le Corbusier, sichtlich überrascht, fragte etwas belustigt: „Comment se fait t-il que vous comme chauffeur de taxi ne connaissez pas la route?“ „Wie kommt es, dass Sie als Taxichauffeur die Route nicht kennen?“

„Monsieur, j'ai travaillé dans l'usine d'automobile Renault mais avec ce misérable salaire je ne pouvais pas nourrir ma famille.“„Monsieur, ich habe in der Autofabrik Renault gearbeitet, konnte meine Familie mit dem miserablen Lohn aber nicht ernähren.

Le Corbusier war sehr gerührt von der Aussage des Mannes. Liebenswürdig und freudig wies er ihm den Weg durch die Stadt. Voller Mitgefühl für das Schicksal dieses Mannes gab er ihm am Ende der Fahrt ein fürstliches Trinkgeld.

Der Fahrer war dankbar, doch hatte er keine Ahnung, dass es sich bei dem liebenswürdigen älteren Herrn um den weltberühmten Meister der Architektur handelte.

17. Heikle Auswahl

Die Auswahl seiner Werke in seinem Atelier, rue Nungesser et colis im Auteuil Quartier für Ausstellungen und Kataloge in meiner Studiogalerie „mezzanin“ war immer eine intensive, spannende, konzentrierte Arbeit. Ich war mir bewusst, dass jedes Werk, das ich für eine Ausstellung oder den Verkauf wählte, eine äusserst heikle Entscheidung für Le Corbusier war.

Mit einer fragenden Geste nahm ich jedes einzelne Werk, ob klein oder gross, immer vorsichtig in die Hand, fragte ihn zögernd, ob er einverstanden sei. Dabei kam es sehr oft vor, dass er sagte: „Hé non Heidi Weber, j'ai encore besoin de cette œuvre“ „Oh nein Heidi Weber, ich brauche dieses Werk noch“, und ich wusste, dass vielleicht das Thema oder einzelne Formen des Werkes für ihn wichtig waren und er diese später wieder für ein Ölgemälde, eine Tapisserie etc. als künstlerische Grundlagen brauchte.

Ich glaube sagen zu können, dass er ohne mein Einfühlungsvermögen nie so lange mit mir gearbeitet hätte.

In allen Bereichen unserer Zusammenarbeit war dieses Einfühlungsvermögen immer wichtig.

18. Die Holzplatte

Eine spezielle Situation ergab sich eines Nachmittags in seinem Maleratelier, 75, rue Nungesser et colis.

Ein von ihm provisorisch aufgestellter Tisch, eine Sperrholzplatte auf zwei Korbstühlen aufgelegt, darauf ein Berg von Zetteln, Zeichnungen und Werken, bildeten ein totales Durcheinander. Er hatte eigentlich an diesem Tisch gearbeitet.

Ich sagte zu ihm: „Mais Monsieur, vous ne pouvez plus travailler à cette table.“ „Aber Monsieur, Sie können an diesem Tisch doch nicht arbeiten.“ „Oui, c'est malheureux, mais je n'ai personne qui m'aide à la nettoyer.“ „Ja, das ist unglücklich, aber ich habe niemanden, der mir hilft, zu säubern.“ Ich antwortete: „Monsieur, moi je peux vous aider.“ „Monsieur, ich kann Ihnen helfen.“Le Corbusier;  „Vous voulez vraiment faire cela?“ „Wollen Sie das wirklich tun?“ Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ma reponse; „Alors attaquons tout de suite." Meine Antwort;„ Also fangen wir sofort an.

Ich nahm jedes Werkblatt, jedes kleinste Fetzchen ganz vorsichtig mit den Fingerspitzen und übergab ihm alles mit grosser Sorgfalt zur Prüfung. Als die Platte schliesslich leer war, nahm ich voller Freude und Genugtuung einen Lappen, um die Tischplatte zu reinigen.

Le Corbusier stand da und schaute mir zu. Sein schelmisch schmunzelndes Lächeln bleibt mir immer in Erinnerung, ebenso seine Worte: „Madame, ce n'est pas tout. Enlevons cette plaque.“ Madame; „Das ist nicht alles, nehmen wir diese Platte weg.“ Und die grosse Überraschung war: genau die selbe Situation darunter . . .

Er hatte, als sein Tisch eines Tages von Werken überfüllt war, ganz einfach eine neue Holzplatte darauf gelegt und wieder weiter gearbeitet.

Solche Momente unserer Zusammenarbeit waren von einem schönen wie herzlichen Einvernehmen geprägt.

19. Probleme mit den Schweizern

Während der Jahre der Debatten für die Baubewilligung meines Museums durch den Stadtrat von Zürich und der Debatten im Gemeinderat wurden nebst befürwortenden auch sehr negative Stimmen in der Presse laut.

Ich hatte Le Corbusier nie von diesen berichtet, in der Hoffnung, dass er nie davon erführe.

Und wenn er mich ansprach: „Madame, n'est ce pas que vous avez des problèmes avec vos suisses?“ „Madame, nicht wahr, Sie haben Probleme mit Ihren Schweizern?“, antwortete ich klar und bestimmt: „Non Monsieur, je n'ai pas de problèmes; tout va bien, les problèmes sont là pour étre résolus.” „Nein, Monsieur, ich habe keine Probleme, alles geht gut, die Probleme sind da, um gelöst zu werden.

20. Sie haben recht

Als ich auf ihn zutrat in seinem kleinen privaten Raum (226 x 226 cm) im Atelier rue de Sèvres, hatte Le Corbusier mir unbekannte, angespannte Gesichtszüge.

Normalerweise waren auf dem kleinen Tisch viele Dossiers für unsere Arbeit, an diesem Tag war der Tisch nur mit Ausschnitten von Zeitungsberichten, Artikeln aus der Zürcher Presse, belegt.

Ich erschrak und wusste blitzartig, dass es die negativen Berichte waren, welche Le Corbusier übergeben worden waren. Und zwar von einem seiner so genannten bekannten besten Schweizer Freunde, Prof. Alfred Roth von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH).

Mit verärgert strengem Ton fragte Le Corbusier mich: „Vous qui dites toujours que tout va bien.“ „Sie, die immer sagen, dass alles gut geht.“ „Qu'est-ce que vous dites de ça?“ „Was sagen Sie dazu?“ und zeigte auf einen Berg von Zeitungsausschnitten betreffend meines langen Kampfes um die Baubewilligung im Stadtrat und Gemeinderat.

In dieser sehr heiklen Situation war ich froh, dass ich spontan die richtige Antwort bereit hatte. Mit energisch bestimmtem Ton antwortete ich: „Monsieur, je trouvais cela absolument inutile de vous informer de toutes mes difficultés. L’essentiel est que nous deux, nous savons ce que nous voulons.“ „Monsieur, ich fand es vollkommen unnötig, Sie über meine Schwierigkeiten zu informieren, das Allerwichtigste ist, dass wir beide wissen, was wir wollen.

Erleichtert und mit einem Strahlen in seinen Augen antwortete er: Oui, vous avez raison, on le montrera à ces suisses ! „Ja, Sie haben recht, wir werden es den Schweizern zeigen.

In dieser heiklen Situation hatte ich mit meiner klaren Antwort verhindert, dass das ganze Projekt von ihm als gescheitert erklärt wurde und er enttäuscht gesagt hätte: „Je ne ferai pas cette maison!“ „Ich werde das Haus nicht realisieren.“ Und das Schlimmste daran war, dass ich nie mehr hätte darauf zurückkommen können.

21. Der Brillantring

Um meine Idee zu verwirklichen am Zürichhorn zusammen mit Le Corbusier ein Museum zu bauen, benötigte ich die Zustimmung des Stadtrats.

1960 waren noch alle sieben Stadträte sympathische, engagierte Politiker-Persönlichkeiten. Ich ging alle sieben Herren einzeln im Stadthaus besuchen.

Die Zeit drängte, Le Corbusiers Gesundheitszustand war gar nicht gut. Ganz bewusst musste ich meine jugendliche Energie, inklusive meines weiblichen Charmes und diplomatischen Fähigkeiten voll einsetzen, um die Herren innert kürzester Zeit für das Projekt zu begeistern und davon zu überzeugen. Einzig beim Finanzvorsteher wurde es schwierig für mich. Ich musste eine unschöne Rolle spielen.

Ein Finanzvorsteher erwartet in Anbetracht eines Projekts von dieser Grösse eine elegante, reich aussehende Dame, behängt mit Schmuck. Erstens war ich noch jung, und vor allem besass ich weder Schmuck noch elegante Kleider. Danach hatte ich nie den Wunsch.

Um die gewünschte Rolle vorzuspielen, lieh ich von meiner Freundin, die teuren Schmuck liebte, einen grossen Brillantring und ein Goldarmband aus. Der Herr Finanzvorsteher bestaunte mit grossen Augen „meinen“ Brillantring.

Ich schämte mich in diesem Moment in der Rolle, die ich spielen musste, doch ich hatte damit auch den siebten Stadtrat als Befürworter auf meiner Seite.

22. Marathon gegen die Zeit

Komplizierter wurde die Geschichte, als der Baurechtsvertrag für die  2.425 m2 im Gemeinderat zur Diskussion stand.

In diesem wurden, nachdem einige kritische Zeitungsberichte erschienen waren, negative Stimmen laut. Für mich begann ein Marathon gegen die Zeit, war mir doch bewusst, dass Le Corbusier nicht mehr der Allerjüngste war.

Ich war getrieben von einer inneren Kraft. Ich besuchte und überzeugte wiederum drei Viertel aller Gemeinderäte, etwa 90 Männer. Einen nach dem andern, zwei oder drei Monate lang, jeden Mittwoch, und zwar in den Hallen des Rathauses. Damit im Rat, ohne viel Zeit mit Debatten zu verlieren, dem Projekt zugestimmt wurde.

Dazumal gab es noch keine Frauen in der Politik. Betreffend die Gleichberechtigung der Frau in der Schweiz kann man im Buch „Visionen und Taten – Aus dem Leben von Heidi Weber“ („Heidi Weber legt eine Bombe“) nachlesen, wie ich mit meinem fröhlichen, jungen Temperament ein kurzes Gastspiel auf der politischen Bühne gab.

23. Schlechte Laune

Als ich im Mai 1963 wie immer Le Corbusier an der rue de Sèvres besuchte, empfing mich seine Sekretärin mit sorgenvollem Gesicht: „Madame, vous tombez très mal aujourd’hui, Monsieur Le Corbusier est de mauvaise humeur.„ “Madame, Sie kommen heute an einem sehr ungünstigen Tag, Monsieur Le Corbusier ist ganz schlechter Laune.Da wusste ich, dass etwas Widerliches im Zusammenhang mit dem Museumsprojekt geschehen sein musste.

24. Sitzquartett

Als ich Le Corbusier 1958 bei meiner ersten Begegnung auf Cap Martin getroffen hatte, schwärmte ich von seinen 4 Sitzmöbeln. Diese 1928 entworfenen 4 Sitzmöbel wurden damals nur als Prototypen hergestellt. Kein Möbelhersteller hatte zu jener Zeit ein Interesse daran, die 4 Modelle als Serie herauszubringen.

Ich war schon 1958 der festen Überzeugung, dass sie auch noch in dreissig Jahren nichts von ihrer Modernität verloren haben würden. Ich bekräftigte gegenüber Le Corbusier noch einmal meine Überzeugung.

Die Skepsis in seinem Gesicht wich schnell einer Spur der Freude: “Vous pensez vraiment cela? Les gens disent que cela ne vaut rien, c'est du vieux jeu.“ „Finden Sie das wirklich? Die Leute sagen, die sind nichts wert und sind altmodisch.“

Meine Antwort: „Monsieur, je suis persuadée que vos quatre sièges sont jusqu'aujourd'hui les plus modernes et que les enfants vont vouloir les hériter.“ „Monsieur, ich bin überzeugt, dass ihre 4 Sitzmöbel bis heute die modernsten geblieben sind und dass die Kinder diese später einmal erben wollen.“

Le Corbusier schien sehr glücklich über meine Wertschätzung seiner 4 Sitzmöbel und schenkte mir spontan sein Vertrauen mit den Worten: „Alors, je vous donne les plans et vous pouvez les fabriquer.“ „Also, ich gebe Ihnen die Pläne, und Sie können sie produzieren.“

25. 4 Sitzmöbel aus Zürich

Nach unserer ersten Begegnung und als ich wieder in in Zürich war, erhielt ich Anfang September von Le Corbusier
die Pläne für seine 4 Sitzmöbel, die er 1928 entworfen hat. Ich machte mich voller Freude auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für die Fabrikation. In der Nähe meiner Studiogalerie „mezzanin“ fand ich zu meinem Glück ein wunderschönes leerstehendes Lokal, das Teil eines prächtigen mittelalterlichen Gebäudes war. Wie sich herausstellten sollte, war die Vormieterin der Lokalität die Heilsarmee. Ich betrachtete es als gutes Omen, da, ausgehend von diesen Räumen, bestimmt viel Gutes bewirkt wurde. Ich genoss es in dem Lokal, die Voraussetzungen für eine erstklassige Produktion seiner 4 Sitzmöbel schaffen zu können, auch für die Handwerker.

Ich musste eine Nähmaschine für Lederarbeiten kaufen und eine zweite für die Daunenkammern der Kissen aus Baumwolle. Im Weiteren benötigte ich eine Zupfmaschine für das Rosshaar (das in Form eines Zopfes geliefert wurde) zum Auseinanderzupfen. Dann eine Spezialnähmaschine für die Lederbearbeitung der Kissen des kubischen Herrensessels wie auch für den breiten Damensessel. Für diese beiden Modelle wurden von einer Handwerkerin Kammern genäht, die anschliessend vom Polsterer auf den von ihm bearbeiteten Rosshaarkern genäht wurden.
Für die Chaiselongues musste ich Fohlenfelle bei verschiedenen Lieferanten suchen. Es war ein grosser Aufwand und sehr schwierig, schöne Felle vom Bild und von der Qualität her zu finden. Kalbsfelle für den „Fauteuil mit beweglichem Rücken“. Auch bei diesen Fellen war es kompliziert, erstklassige Qualität zu finden.
    
Stolz konnte ich Le Corbusier bereits nach drei Monaten bei seinem ersten Besuch in Zürich, in meiner Studiogalerie „mezzanin", seine 4 Sitzmöbel aus meiner ersten Produktion von 25 Stück vorstellen. Er war begeistert und sehr zufrieden mit meiner Umsetzung seiner Pläne.

9 Jahre, von 1958 – 67, produzierte ich die 4 Sitzmöbel in meiner kleinen Fabrik mit grossem Erfolg und erhielt Bestellungen von Liebhabern seiner Möbel aus aller Welt. Mit meiner kleinen Produktion kam ich schliesslich nicht mehr nach und entschied mich deshalb 1964, meine Lizenzrechte an die italienische Firma Cassina in Meda für eine Produktion mit grösseren Stückzahlen abzutreten. Erst nur für Italien. Ein Jahr später weitete ich die Verträge für Europa aus und 12 Monate später für die Vereinigten Staaten.

Die große Firma Cassina, die Hunderte von Millionen mit der Produktion und dem Verkauf von Le-Corbusier-Sitzmöbeln verdient hat, will heute meinen Namen nicht mehr kennen. Und dies, obwohl sie die Lizenzen von mir erhalten und sämtliche Verträge gemeinsam mit mir unterschrieben hat.

In der weltweit geschalteten Werbung steht nur noch: Die Firma Cassina hat den Vertrag für die weltweiten Rechte noch zu Lebzeiten von Le Corbusier unterschrieben.

26. 4 Sitzmöbel ausgestellt in den Farben seiner Salubra Tapeten

Die ersten 4 Le Corbusier Sitzmöbel aus meiner Produktion zeigte ich schon im November 1958 in meiner Studiogalerie „mezzanin“ mit einem eigen dafür entwickelten Konzept. 15 kleine Original-Bleistiftzeichnungen von Le Corbusier, ausgestellt in den von ihm entworfenen Kistenrahmen aus Holz.

Alle auf einer Wand mit beiger Farbe. Die anderen Wände waren in seinen starken Farben der Salubra Tapeten Blau, Dunkelgrau, Schwarz und Ocker tapeziert und frei von Bildern als monochrome Wände gehalten. Für diese erste Ausstellung hatte ich Weltformat Plakate drucken lassen und in der ganzen Schweiz zum Aushang gebracht. Mein (auch finanzieller) Einsatz versetzte Le Corbusier ins Staunen; und er bedankte sich bei mir in gewählten Worten.

27. Schubladisiert

Le Corbusiers Frau Yvonne, mit der er sehr glücklich verheiratet war, ist 1957 gestorben. Der Verlust seiner Frau war für Le Corbusier sehr schwer.

Während unserer intensiven Zusammenarbeit sagte Le Corbusier einmal vertrauensvoll zu mir: „Vous savez Madame Weber, le problème des femmes je l‘ai classé dans un tiroir quand j‘avais 70 ans, parce que j‘ aimerai une jolie belle femme et cela serait injuste de ma part parce que je n‘ai plus rien à offrir.

„Wissen Sie, Madame Weber: Das Problem der Frauen habe ich in einer Schublade abgelegt, als ich 70 Jahre alt wurde, weil ich gerne eine hübsche, schöne Frau hätte und das wäre ungerecht von meiner Seite, weil ich nichts mehr zu bieten habe.“

Seine Worte bestätigten mir, dass Le Corbusier nicht nur ein grosser Architekt, sondern auch ein Mann von aussergewöhnlichem Format und persönlicher Zurückhaltung war.

 

28. Liebe auf den zweiten Blick

Nachdem ich schon verschiedene Ausstellungen von seinen Bildern in meiner Studiogalerie „mezzanin“ veranstaltet hatte, jedoch nie mit ihm über eine Ausstellung seiner Skulpturen sprach, war Le Corbusier irritiert. Für mich war es nur möglich, Werke auszustellen und zu verkaufen, wenn ich von diesen voll und ganz überzeugt war. Bei den Skulpturen brauchte ich eine gewisse Zeit, da ich die ersten zwei Jahre keinen Zugang zu ihnen fand.

Eines Tages sagte er zu mir: „Madame Weber, Joseph Savina, le sculpteur qui réalise avec moi des sculptures, a des difficultés financières parce qu‘ il ne peut pas les vendre.“ „Joseph Savina, der mit mir zusammen die Skulpturen realisiert, hat finanzielle Schwierigkeiten, weil er keine dieser Skulpturen verkaufen kann.“Le Corbusier wünschte, dass ich mich intensiv des Verkaufs annehme.

Von einem Tag auf den andern hatte sich mir die Schönheit und Komplexität seiner Skulpturen erschlossen, was ein überaus beglückendes Erlebnis war. Mit grosser Freude organisierte ich daraufhin umgehend eine Ausstellung ausschliesslich mit seinen Skulpturen. Auch ging es mir darum, seinem Freund Joseph Savina zu helfen. Mit vollem Einsatz und Überzeugungskraft nahm ich den Verkauf in Angriff.

Als Innenarchitektin hatte ich damals zwei Häuser von kunstinteressierten Zürcher Industriellen umgebaut und eingerichtet. Ich konnte die Herren für die Skulpturen begeistern und jedem ein Werk verkaufen. Ich war glücklich, Le Corbusier einen grösseren Geldbetrag überweisen zu können. Er war damit erstmals in der Lage, Joseph Savina zu bezahlen.

Alle Skulpturen, die ich für die grosse Ausstellung „Sculptures Le Corbusier-Savina“ hatte, es waren neun Werke, musste ich im voraus bezahlen. Für mich waren diese Konditionen eine grosse finanzielle Belastung, wusste ich nicht, ob ich überhaupt einen Käufer finden kann.

Da es nur die besagten zwei Käufer gab, und ich all die harten Bedingungen und Risiken auf mich genommen habe, bin ich heute glückliche Besitzerin mit einigen seiner schönsten Skulpturen aus Holz.

29. Problemformate

Le Corbusier wünschte, wie dies schon bei den Skulpturen von Savina der Fall gewesen war, dass ich mich vermehrt auch um die Produktion und den Verkauf seiner Tapisserien kümmern sollte. Das Problem bestand darin, dass die alten französischen Sujets nicht mehr gefragt waren. Er bat mich deshalb auch hier, die Webereien zu unterstützen und etwas zu unternehmen, damit sie überleben können. Le Corbusier sah die Rettung der Weberei in Aubusson, in modernen Themen, wie seine Entwürfe sie darstellten. Meine Rolle bestand darin, den Webereien wieder Aufträge zu verschaffen. Ich liebte und liebe noch heute insbesondere die von Le Corbusier geschaffenen Wandbilder aus Wolle.

Es zeigte sich jedoch von Anfang an, dass es sehr schwierig werden würde, die grossformatigen Teppiche zu platzieren bzw. verkaufen zu können. Dieselben schwierigen Bedingungen wie bei den Skulpturen hatte ich bei den Tapisserien. Dazu kam, dass Le Corbusier von mir erwartete, mit Aufträgen und Vorauszahlungen die Weberei vor der Schliessung  zu retten.

Le Corbusier hat nicht weniger als 27 Wandteppiche entworfen, das heisst, er hat als Vorlagen für die Webereien die Originalbilder als Collage auf Papier im Format 1:1 gebracht.

Nach über 55 Jahren bereitet es mir noch immer eine besondere Befriedigung, den Menschen Freude zu machen mit Ausstellungen meiner Sammlung von beweglichen Corbusier-Wandbilder rund um den Globus. Le Corbusier nannte diese Tapisserien „murales nomades“, für den modernen Nomaden, wie ich einer geworden bin.

Heute bin ich durch die Schwierigkeiten, die grossen Tapisserien nur selten verkaufen zu können, die glückliche Besitzerin einiger seiner schönsten Wandteppichen.

30. Kommen Sie öfters

Bei unseren gemeinsamen Treffen bewunderte ich immer wieder seine Regelmässigkeit. Diese war nicht nur ein grosses Wort, sondern wurde von ihm gelebt. Sein Tagwerk war zeitlich streng geplant. Mitten in unserer Arbeit, Punkt 17 Uhr: „Madame Weber, ne m‘en voulez pas, je vous commande un taxi, j‘ai encore autre chose à faire.“ „Madame Weber, seien Sie mir nicht böse, ich bestelle Ihnen ein Taxi, ich habe nochetwas anderes zu tun.“

Mit etwas anderes meinte er bestimmt schreiben, lesen, malen. Diese grosse Disziplin hat mich nachhaltig beeindruckt und ich denke heute, dass dies das Geheimnis seines riesigen Werks ist, welches sich auch in seinem malerischen Werk niedergeschlagen hatte.

Er begleitete mich immer zum Taxi, öffnete mir die Türe und verabschiedete sich mit freundlichen Worten: „Madame Weber, venez plus souvent à Paris, cela me ferai plaisir.“ „Madame, kommen Sie öfter nach Paris, das würde mir Freude machen.“ Ich antwortete mit einem Lächeln: „Monsieur, je pense que cela serait une erreur.“ „Monsieur, ich denke das wäre ein Fehler.“ Le Corbusier mit einem Lächeln: „Oui, peut être vous avez raison.“ „Ja, vielleicht haben Sie recht.“

Den 14-Tage-Rhythmus meiner Besuche habe ich bewusst eingehalten. Dieser Rhythmus war von grösster Wichtigkeit für unsere Arbeitsbeziehung.

31. Ahnungslose Besucher

Nach einigen Ausstellungen von Le Corbusiers Werken in meiner Studiogalerie „mezzanin“ fragten mich immer wieder Besucher: „Was hat Le Corbusier denn alles gemacht?” Ich erzählte ihm bei einem Essen, diese oft wiederkehrende Frage meiner Galeriebesucher.

Le Corbusier überlegte einen kurzen Moment und ging mit seinem langsamen schweren Schritt zu seinem kleinen Schreibtisch und schrieb sehr konzentriert mit einer Gänsekielfeder:„Il n‘y a pas de sculpteurs seuls, de peintres seuls, d‘architectes seuls, l‘évènement plastique s‘accomplit dans une forme et au service de la poésie.“ „Es gibt nicht nur Bildhauer, nur Maler, nur Architekten. Das plastische Ereignis vollzieht sich in einer Form im Dienste der Poesie.“

Das mit seiner ausdrucksvollen Handschrift geschriebene Originalblatt halte ich stolz in Ehren.

.

 

32. Monsieur Mourlot

Bei einem meiner ersten Besuche in Paris fragte ich Le Corbusier: „Monsieur, il y as des jeunes architectes qui aimeraient acquérir une lithographie de vous. Où puis les trouver ?“ Monsier mich fragen immer wieder junge Architekten, die gerne eine Lithografie von Ihnen kaufen möchten, wo kann ich eine solche finden ?“ Le Corbusier: „Il quelques des années j‘en ai fait quelques unes qui ne se sont jamais vendues.“ „Vor Jahren habe ich schon ein paar gemacht, die wurden jedoch nie verkauft.“ „Monsieur, si on ne les expose pas, elles ne se vendent pas.“ „Wenn man sie nicht ausstellt, können sie auch nicht verkauft werden.“

Le Corbusier hörte mir sehr interessiert zu. Nach einer kurzen Stille stand er auf, ging mit seinem langsamen, schweren Schritt zu seinem kleinen Büro, nahm den Hörer ab. Ich lauschte seinem Gespräch. „C‘est vous Fernand, ici c‘est Corbu.“ „Sind Sie es, Fernand? Hier Corbu.“ Le Corbusier weiter: “Fernand, j‘ai ici une jeune fille de la Suisse, elle veut vous faire travailler.“ „Fernand, ich habe hier ein junges Mädchen aus der Schweiz. Diese möchte Sie beschäftigen.“ Le Corbusier: „Je veux vous la présenter, je vous invite demain pour le déjeuner chez le chinois à l‘angle du Restaurant La Coupole.“ „Ich will Sie Ihnen vorstellen und lade Sie morgen zum Mittagessen ein, beim Chinesen an der Ecke, Restaurant Coupole.“

Le Corbusier lobte mich bei Mourlot als seriöse und tatkräftige Frau, und er solle doch mit seinen Grafiken in Zukunft mit mir arbeiten. Noch bevor wir den Kaffee getrunken hatten, sagte ich zu Fernand Mourlot: „Puis-je venir maintenant avec vous à votre imprimerie ?“ „Kann ich jetzt mit Ihnen in Ihre Druckerei kommen?“ Le Corbusier und Mourlot waren überrascht, dass ich die Sache ohne Umschweife sofort anging. (Vermutlich hatten sie sich auf einen gemütlichen Nachmittag eingestellt.)

Mourlot und ich entwickelten eine freundschaftliche Zusammenarbeit und produzierten einige tausend Blätter mit rund hundert unterschiedlichen Sujets von Le Corbusier. Durch diese Arbeit entstand mein Kunstverlag und die Edition Das grafische Werk von Le Corbusier“. Fernand Mourlot war glücklich, weil ich eine gute Kundin von ihm wurde, und, wie er mir später einmal sagte, eine der wenigen, die immer postwendend seine Rechnungen bezahlte.

Der Keller meiner Studiogalerie „mezzanin“ füllte sich unaufhörlich mit riesigen Kisten, mit dem Absender: „Imprimerie Mourlot Paris“. Das Risiko, dass sich die Lithografien nicht verkaufen, trug ich auch bei diesen Produktionen ganz alleine. Nur mit viel Arbeit und Ausstellungen:10 Jahre in meiner Galerie "mezzanin" in Zürich und mit rund 7o weltweiten Ausstellungen in Museen und Galerien und den Verkauf konnte ich mit dem Erlös die enormen Kosten des Museums - Betriebs tragen.

 Le Corbusier hatte sich nie, auch  bei diesem Unterfangen Gedanken gemacht, wie ich dies alles allein schaffen würde.

33. Sockengedicht

Als ich zwei Tage vor Weihnachten 1960 nach Paris zu Le Corbusier reiste, gab mir meine Mutter ein Weihnachtsgeschenk-Päckli für ihn mit. Das Geschenk war in schlichtes Weihnachtspapier mit einer breiten Schleife verpackt, geschmückt mit einem Tannenzweig.

Meine Mutter war eine einfache Frau vom Land. Besorgt um Le Corbusier, strickte sie für ihn warme Socken, „da er ja keine Frau mehr hat, die für ihn sorgt“. Ich konnte meiner Mutter den Wunsch nicht abschlagen, das Geschenk Le Corbusier zu überbringen, war es doch so ehrlich und von ihr gut gemeint. Ich brachte ihm also das Geschenk.

Voller Freude öffnete er das Päckli. Er war überrascht: „Je suis un jeune homme, je porte des chaussettes fines, mais c'est quand-même gentil d'elle.“ „Ich bin ein junger Mann, ich trage feine Socken, doch das ist gleichwohl sehr lieb von Ihrer Frau Mutter.“ Sichtlich bewegt fügte er hinzu: „Je vais lui remercier.“ „Ich werde mich bei ihr bedanken.

Corbusier in einer Socken-Notiz an mich:
Werte Madame und Freundin,                        9/2/61
hier ein kurzes Wort  an Ihre Mutter (ihre Adresse habe ich nicht). Ich werde eine Zeichnung als Geschenk für sie aussuchen (bald).
In Freundschaft L-C

                                    

An die liebe Mama von Heidi Weber
Liebe Madame
Ich war sehr gerührt, ein solch schönes Geschenk zu erhalten, das Sie mit Ihren eigenen Händen für mich gemacht haben. Eine perfekte und elegante Strickarbeit, mit keiner andern zu vergleichen.
Um das Ereignis zu feiern, hatte der Heizkessel der Zentralheizung in meinem
Gebäude die Liebenswürdigkeit, zu explodieren. So gründlich, dass wir seit nunmehr zehn Tagen mit roten Nasen ... aber mit warmen Füssen ...  Mit solchen Socken könnte ich diesen Sommer auch zum Nordpol verreisen.
Noch einmal danke, liebe Madame, ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, die beste Tochter haben Sie ja schon! Le Corbusier

 

 

34. Die wahren Gesichter

Immer wieder äusserte er sich in verschiedenen Momenten hoffend und fragend mir gegenüber: „N‘est-ce pas, Madame Weber, s‘il m‘arrive quelque chose vous continuerez votre travail à faire connaître mon OEuvre picturale dans le monde?“ „Nicht wahr, Frau Weber, sollte mir etwas zustossen, werden Sie Ihre Arbeit fortsetzen und mein malerisches Werk weiterhin der Welt vermitteln.“Mit entschlossener Stimme antwortete ich; „Bien sûr, Monsieur“, „ganz sicher, Monsieur.“

Nachdem er mir diese seine Sorge verschiedentlich offenbart hatte, machte ich mir über mein diesbezügliches Versprechen Sorgen und Gedanken (Le Corbusier war immerhin schon über siebzig). Als er wiederum diesen Wunsch äusserte, antwortete ich: „Monsieur, vous m’avez prié à plusieurs reprises de continuer à faire connaître votre oeuvre s’il devait vous arriver quelque chose, j’ai pensé que nous devrions peut-être mettre par écrit vos désirs, parce que si un jour vous n’êtes plus là, on va me contester ce droit.“ „Monsieur, Sie haben mich verschiedentlich gebeten, Ihr malerisches Werk weiter zu vermitteln, sollte Ihnen etwas zustossen. Ich denke, wir sollten Ihren Wunsch vielleicht schriftlich festhalten. Weil, wenn Sie eines Tages nicht mehr da sind, man mir dieses Recht bestimmt streitig machen wird.“

Er schaute mich aufmerksam an und fragte: „Qui va vous contester ce droit?“ „Wer wird Ihnen dieses Recht streitig machen?“ Monsieur, les vrais visages, on les verra quand vous ne serez plus là !“ „Monsieur, die wahren Gesichter wird man erst sehen, wenn Sie nicht mehr da sind.“ Nach einer kurzen Stille, Le Corbusier: „Oui, peut-être vous avez raison. Faites moi une proposition.“ „Ja, vielleicht haben Sie recht, machen Sie mir einen Vorschlag.“

Ein junger, fähiger Anwalt, Maître Jaques Dumas, in Paris setzte für uns einen klaren und einfachen Vertrag auf. Le Corbusier unterschrieb diesen Vertrag ohne zu zögern. Dieser Vertrag bewahrte mich später davor, mein ganzes Hab und Gut inklusive des Museums zu verlieren.

Der Stiftungsrat der Fondation Le Corbusier in Paris hat meine Verträge mit Le Corbusier nach seinem Tod nicht respektiert und nicht anerkannt. Leider musste ich vor einem französchen Gericht für meine Rechte kämpfen und wie ich später erfahren musste, kann eine Ausländerin einen Prozess vor dem französischen Gericht nur selten gewinnen. Ich habe in einer separaten Publikation die äussert leidige Geschichte veröffentlicht.

 

35. So diniert die Grande Nation

1.    Pastis: ein französischer Apéritif,  40 – 45 % Alkohol enthaltend.
2.    Vorspeise: eine grosse Platte Fleischwaren mit Salami, Mozzarella etc.
       mit einer guten Flasche Weisswein
3.    Hauptgang:  Entrecôte, Kartoffelgratin, dazu ein schwerer französischer Rotwein
4.    1 Cognac
5.     Caramel-soufflé
6.     Kaffee

 

Le Corbusier liebte das üppige französische Grand dîner. Dieses Riesen-Menü waren für seine Gesundheit in Anbetracht seines Alters zu schwer und zu reichhaltig. Ich machte mir deshalb Sorgen. Vorsichtig versuchte ich ihm zu vermitteln, dass so ein Grand dîner sehr ungesund sei.

Le Corbusier war nicht sehr erfreut von meiner Zwischenbemerkung. Seine Gesichtszüge versteinerten sich: “Vous avec votre végétarisme, vous arrivez toujours toute affamée chez moi. “Sie mit Ihrem Vegetarismus kommen immer ganz ausgehungert zu mir.“ (Ich bin zu 90 % Vegetarierin.)

Zweimal täglich verschlang er ein solches Riesen-Menu. Ohne Sport, ohne Bewegung kann kein Mensch solcherlei schwere Kost verdauen.

Es war für mich sehr schwierig und delikat, mich in sein Privatleben einzumischen. Eines Tages kam mir spontan die Idee, wie ich ihn diplomatisch auf diese heikle Essensfrage ansprechen könnte.

Anlässlich eines solchen Dîners bemerkte ich beiläufig: „Monsieur, j’ai lu quelque part dans un journal que c’est très malsain de manger le soir avant de se coucher.“ „Monsieur, ich habe irgendwo in einem Zeitungsartikel gelesen, dass es sehr ungesund sei, am Abend vor dem Schlafengehen noch viel zu essen.

Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er nicht begeistert war. Ich sprach einfach weiter, als hätte ich nichts Wichtiges gesagt.

Nach rund zwei Monaten und wiederum bei einem solchen Abendessen erläuterte mir Le Corbusier stolz: „Vous savez, Madame Weber, j'ai décidé, je ne mange plus le soir.“ „Wissen Sie, Frau Weber, ich habe beschlossen, am Abend nichts mehr zu essen.

Ich war sehr froh darüber und erleichtert, dass ihn meine Botschaft endlich doch noch erreicht hatte.

Jedoch bedaure ich, dass diese seine Einsicht leider etwas zu spät kam. Le Corbusier verstarb viel zu früh, mit 77 Jahren.

 

36. Keine Frau da drin

Bei unserem letzten Arbeitsessen in Paris, vor seiner Abreise in die Ferien, sprach Le Corbusier wieder über die Stiftungsgründung und die damit verbundenen Probleme. Er äusserte mir gegenüber den Wunsch: „N’est ce pas Madame, vous continuerez votre travail de faire connaître mon OEuvre pictural dans le monde, s’il m’arrivait quelque chose!“ „Nicht wahr, Madame Weber, falls mir etwas zustossen sollte, werden Sie damit fortfahren, mein malerisches Werk in der Welt bekannt zu machen.“ Meine Antwort lautete immer klar: Mais bien sur Monsieur!" ,Aber ganz sicher, Monsieur.“

Nachdem er die Planung einer Stiftung bereits einige Male mit mir erörtert hatte, machte ich mir ernsthaft Gedanken. Während eines Essens bei ihm zu Hause besprach ich mit ihm meine Überlegungen im Zusammenhang mit seiner Stiftungsgründung: „Monsieur à plusieurs reprises vous m‘aviez dit que vous allez créer une fondation pour héberger touts vos biens. Je me suis fait des idées et je pense qu‘il serait peut-être indiqué que je sois membre de cette fondation pour pouvoir défendre une partie de votre oeuvre importante, l‘oeuvre picturale.“ „Monsieur, verschiedentlich haben Sie mir mitgeteilt, dass Sie an einer Stiftungsgründung arbeiten und Ihren gesamten Nachlass in die Stiftung einbringen werden. Ich habe mir darüber Gedanken gemacht. Ich denke dass nur wenn ich Mitglied Ihrer Stiftung bin, die Interessen Ihres malerisches Werks wahrnehmen kann. “Seine unmissverständliche, mich erschreckende Antwort: „Non, pas de femme là dedans! “„Nein, keine Frau da drin.“ Ich war äusserst schockiert über seine Worte. Meine Antwort war voller Zorn und etwas harsch: „Monsieur, vous êtes aussi seulement un homme!“„Monsieur, Sie sind auch nur ein Mann!

Le Corbusier war über meine Worte erschrocken, er verstummte, und es herrschte ein Moment der Stille. Meine Bemerkung blieb unbeantwortet. Mir entging nicht, dass es ihm dabei unwohl war. In einer solch heiklen Situation zog er sich jeweils in sich zurück. Oder wie er zu sagen pflegte: „il faut ruminer les choses“, die Dinge verarbeiten, über sie nachsinnen. Er brauchte Zeit . . .

Er ging am 1. August nach Cap Martin in die Ferien, und ich bin heute noch fest überzeugt, dass er in seiner Einsiedlerhütte die Muse fand, zu „ruminer“. Leider konnte er mir seine Schlüsse nicht mehr selbst mitteilen. Er verliess unsere Welt am 27. August 1965 beim Schwimmen in seinem geliebten Meer beim Cap Martin, und so stand für mich alles in den Wolken geschrieben.

Er hatte einer Person gegenüber, die ihn auf Cap Martin besuchte, geäussert, dass er nicht sehr glücklich sei mit der Zusammensetzung des vorgesehenen Stiftungsrates und den Stiftungsstatuten und dass er nach seiner Rückkehr am 1. September alles neu studieren und ändern würde. Ich bin überzeugt, dass er mich nach seinen Ferien sofort nach Paris gerufen und seinen Fehlentscheid, keine Frau in den Stiftungsrat aufzunehmen, korrigiert hätte. Er konnte auch nicht ahnen – oder hatte er es geahnt? –, dass sein Vermächtnis eines Tages von französischen Verwaltertypen, mit wenig Interesse und Verständnis und schon gar nicht mit Liebe für sein Werk, verwaltet würde. Durch seinen unerwarteter Tod war nicht nur ein grosser ideeller Verlust und zusätzliche finanzielle Lasten am Museumsbau entstanden, mir fehlte auch sein wichtiger Beistand. Noch folgenschwerer war die Tatsache, dass er seine Pläne und Einsichten nicht mehr in die Wege leiten konnte.

37. Endlich grünes Licht

Eine eigenartige Unruhe befiel mich Ende Juli 1965. Ich hatte große Probleme auf dem Bauplatz mit dem Bauführer und den Handwerkern. Ich musste Le Corbusier dringend anrufen, jedoch wünschte er, dass ihm alles schriftlich mitgeteilt und er telefonisch nicht gestört würde. Ich wusste, dass er am 1. August nach Cap Martin in die Ferien verreisen würde. Es war dringend, sodass ich nicht umhin kam, Le Corbusier mit meinem Telefonat zu behelligen.

Als er persönlich das Telefonat entgegennahm, sagte ich: „Monsieur, j‘ai plusieurs problèmes sur le chantier à régler. Je dois urgement venir vous voir avec les divers chefs des entreprises de construction.“ „Monsieur, ich habe mehrere Probleme auf dem Bauplatz zu bearbeiten. Ich muss dringendst mit den Direktoren der diversen Bauunternehmen zu Ihnen kommen.“ Le Corbusier: „Heidi Weber, moi je fiche le camp en vacances, venez me voir après mon retour.“ „Ich verschwinde in die Ferien, kommen Sie nach meiner Rückkehr.“ Ich war zutiefst erschrocken und behalf mir mit einer Notlüge: „Monsieur, je dois vous voir avant votre départ, parce-que la maison de métal n‘a pas de travail.“ „Monsieur, ich muss Sie dringend vor Ihrer Abreise sehen, weil die Stahlbaufirma keine Arbeit hat.“ Le Corbusier: „Comment ça se fait, je croyais que les Suisses ont du travail.“ „Wie kommt das, ich dachte, die Schweizer hätten Arbeit.“ „Bon, d‘accord, pour vous faire plaisir, alors venez encore demain.“ „Gut, einverstanden, um Ihnen die Freude zu machen, kommen Sie also morgen um 11 Uhr in mein Atelier an der rue de Sèvres.“

Ich bat sämtliche Direktoren der Bauunternehmen, am nächsten Morgen um 7.30 Uhr mit mir im ersten Flugzeug zu Le Corbusier nach Paris zu fliegen. Es waren rund 70 wichtige Details, die noch unerledigt und von ihm nicht unterschrieben waren. Davon hatte ich eine Liste erstellt. Die Details waren von Le Corbusier zu kontrollieren und korrigieren. Es wurde ein sehr langer Tag, Detail um Detail arbeitete Le Corbusier geduldig durch, brachte wo nötig Korrekturen an und unterschrieb alle Pläne. Zu meinem Glück, wie sich später noch herausstellen sollte. Anschliessend gingen wir zu einem Abendessen ins bekannte, von ihm favorisierte Restaurant von Mme Brunier. Zum Abschied richtete er noch die schönen Worte an mich: „Maintenant vous avez le feu vert, maintenant vous pouvez y aller.“ „Jetzt haben Sie grünes Licht, jetzt können Sie loslegen.“

Epilog